Netzwerk-Nachbarschaft

Nachbarschaft„Wer mit seinen Nachbarn Wand an Wand wohnt, sollte nicht vergessen, dass er oder sie auch Tür an Tür lebt“

Nachbarschaft ist in aller Munde. Nicht zuletzt angelehnt an Dr. Klaus Dörners Quartiersidee, entstehen neue Ideen und Modelle. Nachbarschaft als Schnittmenge zwischen Individualismus und Pluralität der Gesellschaft. Je globaler die Fragestellungen, je weniger Familien als Selbstversorgungseinrichtungen funktionieren, desto lauter der Ruf nach gelingender Nachbarschaft.

Dabei ist Nachbarschaft ähnlich schwierig zu definieren wie der Begriff Familie: Es gibt dörfliche Gemeinschaften, Hochhaussiedlungen, Reihenhauskolonien und Villenviertel. Es geht multikulturell zu oder “gut Deutsch”, man ist Neuzugezogen oder Alteingesessen. Gewachsene Nachbarschaften treffen auf Neubauten. Hier leben ärmere Familien, woanders betuchte Singles. Hier die Jungen, dort die Alten. Neben Gebieten mit funktionierender Infrastruktur existieren Schlafstädte ohne ein einziges Geschäft. Und es gibt es eine Mischung von allem.

Der Hang zur Romantisierung ist groß und auch der Vereinnahmung ja gar Ausbeutung des Nachbarschaftsgedanken: je weniger Geld in den öffentlichen Kassen, desto höher der Anspruch an nachbarschaftliches Engagement.

Nachbarschaft ist immer auch eine Art Zwangsgemeinschaft. Kommt es bei zu viel (nicht nur räumlicher) Nähe zu Konflikten, kann man sich nicht einfach aus dem Weg gehen. Das erklärt, warum Nachbarn i.d.R. höflich, aber auch distanziert miteinander umgehen.

Soll Nachbarschaft fruchtbar sein, ist – mehr noch als räumliche – soziale Nähe notwendig!
Dafür braucht es gemeinsame Ideale – oft gekoppelt an einen ähnlichen Bildungs- und Einkommensstand, an gemeinsame Nationalität, gemeinsame kulturelle Wurzeln: “Gleich und gleich gesellt sich gern!” heißt es ganz richtig.
Minimalkonsens ist ein gemeinsames Interesse oder Ziel.
Ein von allen erlebtes Übel wie eine Mieterhöhung kann der Startschuss für ein vorsichtiges Kennen lernen und für weitergehende gemeinsame Aktivitäten sein.

Funktionierende Nachbarschaften – gerade bei nachlassender Mobilität und steigender Hilfsbedürftigkeit im höheren Alter sind wichtig für die Lebensqualität, aber sie müssen langsam aufgebaut werden, dürfen nicht mit zu hohen Ansprüchen strapaziert werden.
Häufig braucht es Moderation von außen, um Prozesse in Gang zu bringen

Wichtig: die Betroffenen entscheiden über Ziele und Vorgehen unbedingt selbst.

Auch von Außen initiierte Prozesse z.B. durch Wohnungsbaugesellschaften oder Kirchengemeinden werden freiwillig und auf Augenhöhe gestaltet: Nachbarschaft kann nicht verordnet werden.

Für eine funktionierende Nachbarschaft braucht es positiv formulierte Ziele

Nicht Verhinderung von Einsamkeit sondern ein respektvolles Miteinander, nicht die Hilfsbedürftigkeit egal welcher Gruppe (Ältere, Alleinerziehende) sondern das Einbringen eigener Ressourcen steht im Mittelpunkt.
Niemand definiert sich über Mangel und Bedürftigkeit sondern allen wollen über ihre Stärken und Kompetenzen angesprochen werden. Ist erst einmal Vertrauen gewachsen und gegenseitige Aufmerksamkeit eingeübt,  sind Wünsche nach Unterstützung und auch Hilfsbedürftigkeit leichter zu veröffentlichen.
Dann kann es um Aushilfe bei Engpässen und in akuten Notlagen gehen:
Alle brauchen ab und an etwas und können etwas beisteuern. Ältere bringen Erfahrungswissen mit, das sie für Einzelne und gemeinsame Interessen mobilisieren.  Auch Menschen, die partiell hilfsbedürftig sind, leisten einen solidarischen Beitrag: sie können Rezepte und Haushaltstipps weitergeben, Erzählen wie es im Viertel früher war, Post annehmen für verreiste Nachbarinnen…

Tauschringe und Nachbarschaftsbörsen sind ein gutes Instrument, sich gegenseitig nichts schuldig zu bleiben.

Bei dauerhafter Hilfsbedürftigkeit greifen andere Maßnahmen z.B. ehrenamtliches Engagement (Seniorenbegleiter/innen) – ggf. mit Aufwandsentschädigungen durch die Pflegeversicherung – bis zu ambulanter professioneller Hilfe.

Nachbarschaft darf nicht überfordert werden.

Zu guterletzt braucht jedes nachbarschaftliche Miteinander neutrale Orte und Treffpunkte, in denen unverbindlicher Kontakt möglich ist. Neben einem ausgewogenen Verhältnis von Sich Einbringen und Profitieren darf auch die Erlaubnis zum Rückzug nicht fehlen.

 

 

 

 

Leben und Wohnen im Quartier

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